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Der vor allem mit pianistischen Miniaturen hervorgetretene Sachse Theodor Kirchner kam 1843 auf briefliche Empfehlung von Felix Mendelssohn Bartholdy als Organist an die Stadtkirche Winterthur. Im Jahre 1862 nach Zürich übersiedelt, leitete er die Abonnementskonzerte und einen gemischten Chor, um daneben als Pianist und von 1871 an als Organist an der Kirche St. Peter zu wirken. Als gelegentlich mit Clara Schumann-Wieck konzertierender Pianist, zu dessen Zürcher Freundeskreis nebst Johannes Brahms und Wilhelm Baumgartner auch der Mediziner Theodor Billroth zählte, trat Kirchner in schweizerischen Konzerten mit besonderem Eifer für sein Vorbild Schumann und für Brahms ein, von dem er zahlreiche Werke in zwei- oder vierhändigen Klavierbearbeitungen in Umlauf brachte. 1872 verliess der in Winterthur von Jacob Rieter-Biedermann und in Zürich von den Gebrüdern Hug verlegerisch betreute Musiker die Schweiz, um als Hofpianist der Prinzessin Maria von Sachsen-Meiningen und später als privater Musiklehrer in Würzburg, Leipzig, Dresden und schliesslich in Hamburg zu wirken, wo er verarmt starb.
Was Robert Schumann 1843 in seiner Besprechung der Zehn Lieder op.1 von Kirchner festhielt, gilt auch für die drei ausgewählten Lieder dieser CD:
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«Im jüngsten deutschen Sängerwald möchten diese ersten Blüthen eines noch sehr jugendlichen Compositionstalents mit zu den charakteristischsten gehören.
Der vorherrschende Charakter der Lieder ist der des Schwärmerischen, Sehnsüchtigen, die Wahl der Gedichte (von Heine, C. Beck, J. Mosen) eine dem entsprechende. Das süsse Wühlen in Frühlingsgedanken, das sehnende Gefühl des Weiterschweifenwollens über Berg und Thal, wie es unsere Dichter so oft, so schön ausgesprochen, darin ergeht sich auch der junge Musiker am liebsten; solche Gedichte gelingen ihm am besten.
»
Dass nach Schumanns Beurteilung «der Hauptausdruck meistens in der Begleitung liegt», bestätigt die mit expressiven Klavierzwischenspielen aufwartende Goethe-Vertonung «Nähe des Geliebten» op. 68 von 1882 im selben Masse wie das reizvolle Orgelpunkte aufweisende Rückert-Lied «Wie lange?» op. 81 Nr. 1, das sechs Jahre später im Druck erschien.
Unter den rund 1200 Einzelstücken für Klavier nehmen die in Winterthur komponierten und dort 1859 von Rieter-Biedermann in zwei Heften herausgegebenen 16 Präludien op. 9 eine Sonderstellung ein.
Das Clara Schumann zugeeignete Werk, von dem die Widmungsträgerin in ihrem Dankesbrief am 27. Juli 1859 schrieb, «Ich habe mich an vielem Schönen darin sehr erfreut, kann Ihnen aber nicht verhehlen, dass ich hie und da Härten finde, über die ich nicht hinweg kann», gehört unbestreitbar zu den konzentriertesten und ausdrucksvollsten Klavierkompositionen Kirchners. Die Wucht des mit nur 25 Takten auskommenden Eröffnungsstückes, die warme Kantabilität von Nr. 3 oder die höchst kunstvolle Linearität des auf ganz andere Weise sangbaren 10. Präludiums bilden zusammen mit der Brillanz von Nr. 11 und dem auf Alexander Skrjabins Etüde op. 8 Nr. 12 (Patetico) vorausweisenden Genieblitz des 7. Präludiums mit seinen pathetischen Ausbrüchen einen Kosmos von Ausdruckshaltungen, der nicht differenzierter und pianistisch attraktiver sein könnte.
Rudolf Hunziker schreibt in der Schweizerischen Musikzeitung vom 1. April 1935 über den Komponisten:
«
Kirchner war unentwegt ein überzeugter Davidsbündler, der den übermütig daherstürmenden Florestan und den sanften, schwärmerischen Eusebius in sich vereinigte und bald dem einen bald dem andern das Wort erteilte
»
Adolf Steiner hat in seinem Kirchner gewidmeten Nachruf die eigenartige Stellung geschildert, die der Komponist in der deutschen Musikgeschichte einnimmt:
«In dem weitläufigen Gebäude ihrer Pensionäre wird sie ihm keines der Prunkgemächer, dagegen abseits von den ganz grossen Herrschaften ein trauliches, behagliches Turmstübchen mit der Aussicht auf flüsternde Buchen und Eichen, auf ein bewegtes, schimmerndes Gewässer und auf in der Ferne verdämmernde Hügellinien anweisen. Es sind nicht mehr viele, die den Weg zu ihm finden; aber wer die Mühe nicht scheut, bei ihm einzudringen, der wird belohnt durch allerhand Herrlichkeiten und Heimlichkeiten.»
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Am 30. September 1851 schreibt Kirchner anBlanca Amsler:
in einigen Minuten wird Schumann mich abholen zu einem Spaziergange, dann muss ich noch einpacken (meine Lieblingsbeschäftigung) und dergleichen unangenehme Geschichten mehr. Ich freue mich, die ganze Nacht zu fahren, man kann sich seinen Gedanken so gut überlassen, wachend träumen, und kommt immer weiter und weiter. Überall wieder neue Menschen mit andern Interessen und doch überall dieselbe Geschichte: Jeder dreht sich um sich selbst und glaubt, er, sein Dorf oder seine Stadt seien der Mittelpunkt der Welt. «Das Leben ist doch schön, Königin!», und besonders das Reisen. Schumann brachte gestern abend einen Toast auf unsere Ideale. Also, unsere Ideale sollen leben! Gute Menschen und schöne Kunst! Adieu.
Walter Labhart
Illustration: Dokumentationsbibliothek Walter Labhart CH-5304 Endingen AG
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| © Vision of Paradise, Music + Art Ruth Juon und Evi Juon, Schweiz |
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