Goetz Portrait
Hermann Goetz, Titel














Erstausgabe «Notenheft-Sechs Lieder»



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     Den von Hans von Bülow am Sternschen Konservatorium in Berlin ausgebildeten Königsberger Hermann Goetz hatte Carl Reinecke als Nachfolger Theodor Kirchners nach Winterthur empfohlen, wo er 1863 die Organistenstellen an der Stadtkirche annahm. Seit 1870 in Zürich lebend, wirkte Goetz in den Abonnementskonzerten mit, schrieb Konzertkritiken für die «Neue Zürcher Zeitung» und erteilte bis 1875 privaten Klavierunterricht. Die der Komposition gewidmeten Sommermonate verbrachte der lungenkranke Musiker jeweils im Klöntal, wo er im Freien arbeitete, wie dies später auch Gustav Mahler tun sollte. Das Hauptwerk des mit Brahms und Friedrich Hegar befreundeten Romantikers, die komische Oper «Der Widerspenstigen Zähmung» nach Shakespeares gleichnamigem Lustspiel, basiert auf einem Libretto von Josef Viktor Widmann, dem Entdecker und ersten Förderer Robert Walsers.

     Die im Entstehungsjahr 1876 der «Genrebilder» op.13 für Klavier in Leipzig erstveröffentlichten Sechs Lieder op.12 sind seit 1869 während der ersten Ehejahre herangereift und «Seiner geliebten Laura» gewidmet. Der sehr anspruchsvolle Klavierpart gemahnt an mancher Stelle an Mendelssohn Bartholdy, doch machen sich in der Storm-Vertonung «Schliesse mir die Augen beide» und im «Wandervöglein» mit seiner effektvollen Flatterbewegung in gleichmässigen Sechzehnteln auch Einflüsse von Schumann bemerkbar.

Der erste Biograph von Hermann Goetz, Adolf Steiner, schilderte das Wesen des Frühverstorbenen im Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft, Zürich 1907, folgendermassen:

«…Bei Goetz erquickt immer wieder die Wärme und Wahrhaftigkeit der Tonsprache, die Sophrosyne, der schöne Gleichgewichtszustand, der den Grundzug seines Wesens und seiner Kunstschöpfungen bildet; hierin ist ihm Mozart stets ein leuchtendes Vorbild gewesen…

…Als Mensch verkörpert er das schlichte Heldentum des einem frühen Tode Geweihten, den Sieg des Geistes über die physische Gebrechlichkeit, den leidenschaftlichen Trieb nach Wahrheit und nach Betätigung zum Wohle der Allgemeinheit; mit dem Menschen deckt sich der Künstler, der die Ausübung seiner Kunst als eine Mission auffasste und ebenso sehr ethisch wie ästhetisch zu wirken strebte…

…Sein Leben war reich an produktiver Tätigkeit, reich an innerer Beseligung im geliebten engen Familienkreise und an körperlichen Leiden, und zuletzt reich an äusseren Ehren und Erfolgen, die den Abend seines kurzen Erdendaseins vergoldeten…»


Walter Labhart    
Illustration: Dokumentationsbibliothek Walter Labhart CH-5304 Endingen AG
© Vision of Paradise, Music + Art Ruth Juon und Evi Juon, Schweiz